ROTARY IN RUMÄNIEN

Zwischen 1929 – 1939 umfaßte die Bevölkerung Rumäniens etwa 19 Millionen Einwohner, davon 14 Millionen Rumänen neben Ungarn, Deutschen, Juden, Russen und anderen (nach der Volkszählung aus dem Jahr 1930). Die Hauptbeschäftigung war Landwirtschaft (80% der Bevölkerung); die Wirtschaftsbedingungen waren gut und die internationalen Wirtschaftskrisen hatten einen kleineren Einfluß auf das Land. Es gab niemals mehr als 50.000 Arbeitslose. Die Exporte überstiegen die Importe um 25% - vor allem Getreide, Holz, Wein und Erdöl (an 6. Stelle weltweit) wurden ausgeführt. Unter solchen Bedingungen entstand Rotary in Rumänien.

Der Anfang

Der erste Rotary Club in Rumänien entstand in Bukarest, am 8. April 1929. Unter den spezifischen Bedingungen unseres Landes waren seine ersten Mitglieder Industrielle und Landwirte und in gutem Maße auch Händler. Die Idee, einen Rotaryclub zu gründen war eine Neuheit für Rumänien in jener Zeit. Als Kriterien für die Auswahl der Mitglieder waren der makellose Ruf und die berufliche Qualifikation ausschlaggebend. So gab es unter den Präsidenten des Bukarester Clubs in dieser Zeitspanne einen Landwirtschaftsminister, zwei Industrie und Handelsminister und einen Finanzminister. Die aussergewöhnlichen moralischen und beruflichen Qualitäten solcher Mitglieder garantierten die Entwicklung und Verbreitung der rotarischen Bewegung in Rumänien.

Wegen mangelhafter Kenntnis der verfolgten Ziele und mangelndem Vertrauen hatte die rotarische Bewegung in Rumänien mit Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen. Deshalb war es ein wichtiges Anliegen des Clubs, breite Bevölkerungsschichten auf sich aufmerksam zu machen und sie über ihre Ziele aufzuklären.

Von den ersten Tagen an war Rotary in Rumänien durch seine Tätigkeiten bemüht, diese Bewegung zu stärken und neue Clubs zu gründen: Temeswar/Timisoara (April 1929), Kronstadt/Brasov (Oktober 1930),Tschernowitz/Cernauti (Oktober 1930), Arad (Oktober 1930), Campina (September 1933), Jassy/Iasi (November !933), Klausenburg/Cluj (Dezember 1935), Ploiesti (April 1936).

Im März des Jahres 1936 schlossen sich die 9 rumänischen Rotaryclubs zum 84. Distrikt zusammen.

Als Mitglieder wurden auch Vertreter der mitwohneden Nationalitäten gesucht, so daß schon von den ersten Tagen an Rotary in Rumänien wirklich international war. Bezeichnend in diesem Sinne sind die Worte des Rotariers Radu Pascu vom RC Kronstadt/Brasov, Generalstaatsanwalt beim Kronstädter Appelationsgericht, beim 7. rumänischen Rotarykongress, (Campina, 23. April 1937):

"… ich nenne Ihnen als Beispiel unseren Kronstädter Club, wo sich wöchentlich am selben Tisch Mitglieder verschiedener Nationalitäten, Religionen und Berufe treffen, wir sind eine Seele und sind sehr stolz darauf, hier zu sein, das heißt, Rotarier zu sein."

Aber es dauerte leider nicht länger als bis zum Jahr 1939. Innerhalb dieser kurzen Periode setzten sich die rumänischen Rotarier beispielhaft für die rotarischen Ideale ein. Diese Tätigkeit wurde auch dadurch anerkannt, daß drei Präsidenten von Rotary International Rumänien in diesen zehn Jahren besuchten. Außerdem wurde Agrippa Popescu, ehemaliger Präsident vom Bukarester Club, ehemaliger Distriktgouverneur, zum Direktor von R.I. gewählt (1938 – 1939).

Die Tätigkeit

Rotary wurde in breiteren Kreisen der Bevölkerung dadurch bekannt, daß es durch gemeinnutzige Aktionen auf sich aufmerksam machte. Den ersten Schritt machte der RC Temeswar/Timisoara 1933 durch die Gründung der Gesellschaft "Cabana Rotary", die eine Herberge am "Muntele Mic" (im Gebirge) baute. Diese umfaßte 30 Plätze ihr Bau wurde von den Clubmitgliedern finanziert und sie war für jugendliche Skifahrer und Touristen bestimmt. Im gleichen Jahr übernahmen die Mitglieder des Arader Clubs die Leitung des Vereins "Freunde der Kinder" – Schule und Heim – sowie auch dessen Finanzierung.

Der RC Klausenburg/Cluj gründete im Jahr 1936 den "Verein zur Hilfe behinderter Kinder" mit dem Zweck, zu deren Erziehung beizutragen und ihnen Arbeitsmöglichkeiten zu bieten.

Beginnend mit dem Jahr 1937 veröffentlichte der rumänische Distrikt die Zeitschrift "Rotary Romania", wodurch ein guter Kontakt zwischen den verschiedenen Clubs möglich wurde. Diese Publikation entwickelte sich bald zu einem aktiven Zentrum für die Verbreitung der rotarischen Ideen und war ein Spiegelbild der rotarischen Tätigkeit im Land. Gleichzeitig gelang es "Rotary Romania", seinen Mitgliedern die rotarischen Prinzipien, "zu dienen" und "seinen Nächsten zu lieben und zu achten", nahezubringen und sie als Basis einer wahren Freundschaft hinzustellen.

Im Jahr 1936 übernahm der Bukarester Club, auf Initiative des Rotariers Ficsinescu, Generaldirektor der Erdölgesellschaft "Columbia", die Patenschaft für das Dorf Merisani, errichtete hier ein Ambulatorium und eine Geburtenklinik, eine Arztwohnung, einen Lesesaal, ein Gemeindebad und legte ein Kanalisationssystem an. Die Dorfbewohner haben schnell begriffen, daß Rotary ihnen zu Hilfe kommt, ohne Bezahlung zu verlangen oder zu erwarten. So kam es, daß sich auch die Dorfbewohner an den Arbeiten beteiligten, Transportmittel und Baustoffe zur Verfügung stellten. Damit wurde für alle sozialen Schichten begreiflich, was es heißt, "ein Rotarier zu sein".

Diese, aber auch noch viele andere rotarische Aktionen im Dienst der Öffentlichkeit fanden in der Presse der damaligen Zeit eine große Beachtung und wurden dadurch breiten Kreisen der Bevölkerung bekannt gemacht.

Die im 84. Distrikt zusammengeschlossenen rumänischen Clubs beteiligten sich rege an der internationalen rotarischen Tätigkeit durch die Besuche von hochrangigen rotarischen Persönlichkeiten in Rumänien und die Teilnahme rumänischer Rotarier an vielen wichtigen internationalen Treffen:

Oktober 1936: Besuch des Präsidenten von Rotary International, Will E. Mainer mit Gattin.
Januar 1937: Der Rotarier Roger Sarret, französischer Handelsattache in Bukarest.
April 1937: Franz Schneiderhahn, Gouverneur des 73. österreichischen Distrikts nimmt am 7. Kongress der rumänischeb Rotaryclubs teil
April – Mai 1937: Der Rotarier und frühere RC Präsident Gheorghe Titeica, Generalsekretär.der Rumänischen Akademie unternimmt eine Konferenzreise – Rom, Florenz und Paris
Juni 1937: Agrippa Popescu, Cezar Mereuta, Nicolae Petrescu, Laurentiu Laseron und Stavri Popescu: Teilnahme am 28. Kongress von Rotary International in Nizza
Oktober 1937: Gouverneur Agrippa Popescu und 15 andere Mitglieder der Clubs aus Tschernowitz, Kronstadt und Ploiesti besuchen de polnischen RC in Lwov
November 1937: Ion Ardelean (RC Bukarest) und Theodor Dobrescu (RC Ploiesti): Treffen an Bord der "Queen Mary" mit Rotariern aus den USA, Ungarn, und Großbritannien.
November 1937: Jerzy Loth, Gouverneur des 85. Distrikts (Polen) begleitet von einer zahlreichen Delegation polnischer Rotarier  besucht den RC Tschernowitz/Cernautzi
März 1938: Besuch von Maurice Dupperey, Präsident von Rotary International.
Mai 1938: Gouverneur Agrippa Popescu: Teilnahme am 7. Kongress des jugoslawischen Distrikts
Juni 1938: der Präsident von Rotary International, George C. Hager und der Rotarier Agrippa Popescu führen ein Gespräch auf Radio Chicago, über den Stand der rotarischen Bewegung in Rumänien. Herr Popescu hält einen Vortrag im Club des 183. Distrikts in New Brunswick und New Jersey und nimmt zusammen mit Prinz Basarab Brancovan am jährlichen Kongress in San Francisco teil.
September 1938: Präsident Hager mit Gattin. Sie besuchen Tschernowitz, Bukarest, Sinaia, Campina und Ploiesti.
April 1939: Der Präsident von RI wird durch den Direktor von RI, Agrippa Popescu bei der Jahreskonferenz des Distrikts 83 in Alexandria, Ägypten, vertreten.
April 1939: Der Kongress des 84. Distrikts wird abgehalten, an dem der Präsident der Clubs von Großbritannien und Irland, P.H.W. Almy, von seites RI teilnimmt. Im gleichen Jahr,  am 30. Kongress von RI in Cleveland nehmen Prinz Basar Brancovan, Nicolae Popescu und Agrippa Popescu, Direktor von RI, teil.

Dieses war das letzte Ereignis für die aufblühende rotarische Bewegung in Rumänien. Für die nächsten 50 Jahre sollte Rotary aus Rumänien verschwinden.

Ein unerwartetes Ende…  und ein Neubeginn

Mit den dreißiger Jahren begann ein neues Kapitel im Leben und in der Geschichte unseres alten Kontinents, mit großem Einfluss auf das Geschehen in der ganzen Welt.

Der Faschismus wurde vom Nazismus abgelöst. 1938, in München, erhielt Adolf Hitler vom Westen freie Hand in Mittel- und Osteuropa. In Rumänien etablierte sich erst eine rechts-nationalistische, dann eine kommunistische Diktatur und für die Dauer eines halben Jahrhunderts brach eine dunkle Epoche an. 1939 rissen die Beziehungen zum Westen ab. Die Rotary-Clubs wurden verboten und ihre Mitglieder verfolgt. Nachher begann der zweite Weltkrieg.

1945 wurden die Nazis besiegt. Für Rumänien aber bedeutete dies noch keinen Frieden. Wie auch andere Länder in Zentral- und Osteuropa, wurde Rumänien in einen neuen Alptraum versetzt, diesmal war es die kommunistische Diktatur die 45 Jahre dauern sollte, bis zu dem Tag, als die Hoffnung wieder erwachte. Es begann der Kampf um ein menschenwürdiges Leben, das war im Dezember 1989.

Als im November 1989 Vertreter des Pariser Rotaryclubs zur Charterfeier des Warschauer Clubs reisten, kamen sie nicht mit leeren Händen: sie brachten eine Flugzeugladung medizinischer Geräte mit, davon war ein Großteil für Bukarest, die Haupstadt Rumäniens bestimmt, das sich noch immer in der Umklammerung Ceausescus befand. Am 22. Dezember dann geschah das Unvermeidliche: Ceausecu und sein Regime fiel. Nicht lange danach kam ein Pariser Clubmitglied als "Späher" nach Bukarest, um zu sehen, wie der RC Paris in den ersten Tagen "danach" helfen könnte. So begannen unter der Aufsicht von Jacques Collette, einem authentischen Rotarier, die ersten Lebensmittel- und Arzneimitteltransporte.

Zugleich begann Jacques Collette eine mühsame Suche. Ein gewisser Andy Bolsakov erwies sich als eine wichtige Kontaktperson. Er führte den französischen Rotarier in die Bukarester Kreise ein, er fand die Söhne und Enkel ehemaliger Rotarier und so bildete sich ein Kern heraus, aus dem der Rotary-Club von Bukarest neugegründet werden sollte.

Das waren beeindruckende Tage für den Franzosen in Bukarest. Er gelangte ins Stadtzentrum, wo er die Blumen und Kreuze sah, den Jugendlichen geweiht, die im Kampf um eine neue Freiheit in ihrem Land gefallen waren. Es wurde bald offensichtlich, daß die meisten Bibliotheken, einschließlich die Hochschulbibliotheken, geplündert worden waren. Nach seiner Rückkehr nach Paris beschloß der Rotary-Club den Bücherfundus der Bibliotheken wiederherzustellen und die kulturellen Beziehungen, die so lange zwischen Frankreich und Rumänien bestanden hatten, neu zu beleben. So wurden 22 t Bücher, also cca. 60.000 Bände, nach Bukarest geschickt, eine beindruckende Leistung welche die Wirkung der rotarischen Ideale unter Beweis stellte.

Es dauerte nicht lange und der ganze Distrikt 1660 stand hinter dem Rumänienprojekt und das belegen auch unsere Bilder vom Januar 1990. Die Rotarier, auch unter Mithilfe von Rotaract und Inner Wheel suchten und kauften medizinische Ausrüstungen und Medikamente für ein Bukarester Krankenhaus, man packte ein und belud eigenhändig den Lastwagen und so begann die Ära der engen Unterstützung der französischen Rotarier für ihre Bukarester Freunde.

Am 12. Mai 1992 war es dann soweit, im Beisein von R.I. Präsident Rajendra K. Saboo, Staatsminister Adrian Nastase und einer Reihe von Pariser Rotariern, fand die Charterfeier des ersten wiedererstandenen rumänischen Rotaryclubs statt. Die Charta wurde vom französischen Gouverneur dem Gründungspräsidenten Andrei Aubert-Combiescu, Direktor des Medizinischen Forschungsinstituts "Constantin Cantacuzino" aus Bukarest überreicht. Dieser Herr leitete danach die rumänische Polio-Plus-Kampagne und erhielt für seinen Einsatz die französische Auszeichnung eines "Kavaliers der Ehrenlegion" .

Die rotarische Bewegung war somit wiedererwacht. Dieses Wiedererwachen wurde möglich, durch die Hilfe der Rotarier des Clubs von Paris unter der Präsidentschaft von Patrice Waller, die unser Patenclub wurden. 5 Jahre später gab es schon 13 Clubs in Rumänien: Bukarest/Bucuresti, Temeswar/Timisoara, Klausenburg/Cluj, Hermannstadt/Sibiu, Neumarkt/Targu Mures, Jassy/Iasi, Konstanza/Constanta, Kronstadt/Brasov, Arad, Karlsburg/Alba Iulia, Ploie[ti, Râmnicu-Vâlcea, Baia Mare, mit mehr als 500 Mitgliedern. Alle diese Clubs unterstehen anfangs dem französischen Distrikt 1660 (Raum Paris).

Beginnend mit dem 1 Juli 1997 übernimmt der Schweizer PDG Jörg Tschopp als "special Presidential Administrator" die Verantwortung für die Rotarische Weiterentwicklung in Rumänien, das, zusammen mit der Republik Moldawien zur "special extension area" wird. Unter der tatkräftigen Mithilfe von Jörg Tschopp und seines Vertreters Erich Gerber gewinnt die rotarische Bewegung einen rapiden Aufschwung, es werden neue Clubs gegründet, so daß es zur Zeit (1999) 30 Clubs mit 868 Mitgliedern gibt. Vom 1. Juli 2000 wird es wieder einen rumänischen Distrikt geben.

Es gibt auch drei Rotaract-Clubs (in Bukarest/Bucuresti, Klausenburg/Cluj und Temeswar/Timisoara). Im Bukarester Club gibt es 6 Träger der Paul-Harris-Medaille und 3 Ehrenmitglieder: Jacques Collette, Patrice Waller und S.E. Bernhard Boyer, Frankreichs Botschafter in Bukarest. Obwohl wir am Neuanfgang stehen, haben wir schon eine rege Tätigkeit entfaltet, darunter viele matching grants und die Polio-Plus-Kampagne in Rumänien.

Ein, unserer Meinung nach, schwieriger Anfang. Nach 50 Jahren Diktatur ist alles am Neubeginn, sowohl die Sachen, als auch die Menschen. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt und bescheiden, weil man zuerst die Zivilgesellschaft wiederherstellen muss, als auch die Mentalität. Wir gehen voran, ohne zurückzuschauen, ohne Angst und Vorwürfe. Es ist natürlich schwer, aber wir haben den Willen dazu. Alles liegt in unserer Hand.

 

Romulus Dudu Cordescu und Agrippa Popescu
Nach: "History of Romania" (in an abridget version by courtesy "Le Rotarien" August 1997)
Translated into English by Henk Aalders RC of Kumeu New Zealand
Translated into German and updated by Waltraut & Karl Schuster, RC Sighisoara, Transsylvania, Romania:

Post Soviet Era Rotary

 


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